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Fernwirktechnik einfach erklärt: So kommuniziert Ihre Anlage mit dem Netzbetreiber

Was Anlagenbetreiber über IEC 60870-5-101/104 wissen müssen
1. Februar 2026 durch
Fernwirktechnik einfach erklärt: So kommuniziert Ihre Anlage mit dem Netzbetreiber
Moritz Vogt

Wenn Sie eine PV-Anlage, einen Batteriespeicher oder ein BHKW betreiben, haben Sie vielleicht schon von "Fernwirktechnik" gehört. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Einfach gesagt: Fernwirktechnik ist die Sprache, mit der Ihre Anlage mit dem Netzbetreiber kommuniziert – damit das Stromnetz stabil bleibt, auch wenn Millionen dezentraler Anlagen einspeisen.

Was ist Fernwirktechnik?

Stellen Sie sich das Stromnetz wie eine Autobahn vor: Der Netzbetreiber ist die Verkehrsleitzentrale, die den Überblick behält. Ihre Erzeugungsanlage ist ein Fahrzeug, das auf diese Autobahn auffährt. Damit kein Stau oder Unfall passiert, muss die Leitzentrale mit Ihrem Fahrzeug kommunizieren können.

Fernwirktechnik nach IEC 60870-5-101/104 ermöglicht genau das:

  • Der Netzbetreiber kann Ihre Anlage aus der Ferne überwachen
  • Bei Bedarf kann er die Einspeiseleistung reduzieren (Wirkleistungsregelung)
  • Im Notfall kann er die Anlage per NOT-AUS komplett abschalten
  • Ihre Anlage meldet automatisch wichtige Messwerte zurück
Gut zu wissen: Fernwirktechnik bedeutet nicht, dass der Netzbetreiber Ihre Anlage ständig steuert. Im Normalbetrieb läuft alles automatisch. Der Netzbetreiber greift nur ein, wenn das Netz überlastet ist – zum Beispiel an sonnigen Tagen, wenn alle PV-Anlagen gleichzeitig einspeisen.

Warum brauche ich Fernwirktechnik?

Die Antwort ist einfach: Weil es Vorschrift ist. Die technischen Anschlussregeln (VDE-AR-N 4110 für Mittelspannung, VDE-AR-N 4105 für Niederspannung) schreiben vor, dass Erzeugungsanlagen vom Netzbetreiber steuerbar sein müssen.

Ab welcher Anlagengröße ist Fernwirktechnik Pflicht?

AnlagengrößeNetzebeneFernwirktechnik erforderlich?
Bis 25 kWNiederspannungMeist nicht (vereinfachtes Verfahren)
25 – 100 kWNiederspannungJe nach Netzbetreiber (oft RSE)
Ab 100 kWNiederspannung/MittelspannungJa, IEC 101/104
Ab 135 kW (MS)MittelspannungJa, zwingend IEC 104

So funktioniert die Kommunikation

Die Kommunikation zwischen Ihrer Anlage und dem Netzbetreiber läuft nach dem Master-Slave-Prinzip (oder modern: Controller-Responder):

  • Der Netzbetreiber (Master/Controller) sendet Befehle und fragt Messwerte ab
  • Ihre Anlage (Slave/Responder) führt Befehle aus und liefert Daten
Beispiel: Wirkleistungsregelung durch den Netzbetreiber
So läuft ein typischer Regelungsbefehl ab – vom Netzbetreiber bis zum Wechselrichter
1
Netzleitstelle Netzüberlastung erkannt
Die Netzleitstelle erkennt, dass zu viel Strom eingespeist wird (z.B. sonniger Mittag). Ein Regelungsbefehl wird ausgelöst: Wirkleistung auf 60% reduzieren.
Befehl: P_Soll = 60% via IEC 104
⏱ t = 0 ms
2
VoltPilot Gateway Befehl empfangen & validiert
Das VoltPilot Gateway empfängt den IEC 104-Befehl über die VPN-Verbindung. Der Befehl wird auf Plausibilität geprüft und sofort bestätigt (ACK).
Antwort: Befehl bestätigt (ACK)
⏱ t = 50 ms
3
VoltPilot Gateway Umrechnung & Weiterleitung
Das Gateway rechnet den Sollwert (60%) in absolute Leistungswerte um und verteilt diese auf die angeschlossenen Wechselrichter. Kommunikation erfolgt via Modbus TCP/RTU.
Modbus: Register 40001 = 600 (60.0%)
⏱ t = 100 ms
4
Wechselrichter Leistung wird reduziert
Der Wechselrichter erhält den neuen Sollwert und reduziert die Einspeiseleistung innerhalb weniger Sekunden auf 60% der Nennleistung.
Leistung: 100% → 60%
⏱ t = 500 ms – 3 s
5
VoltPilot Gateway Rückmeldung an Netzbetreiber
Das Gateway meldet die erfolgreiche Umsetzung zurück: Aktueller Istwert der Wirkleistung wird als Messwert (IEC 104 Typ 13) an die Netzleitstelle übertragen.
Messwert: P_Ist = 60%
⏱ t = 5 s (zyklisch alle 10s)

IEC 101 vs. IEC 104: Was ist der Unterschied?

Die Protokolle IEC 60870-5-101 und IEC 60870-5-104 sind internationale Standards für die Fernwirkkommunikation. Der Unterschied liegt in der Übertragungsart:

EigenschaftIEC 60870-5-101IEC 60870-5-104
ÜbertragungSeriell (RS-485 Kabel)Netzwerk (TCP/IP)
VerbindungDedizierte Leitung zum NetzbetreiberInternet/VPN
GeschwindigkeitLangsamer (bis 19.200 Baud)Schneller (Ethernet)
InstallationAufwendiger (eigene Leitung)Einfacher (vorhandenes Internet)
VerbreitungÄltere AnlagenHeute Standard
Unser Tipp: Die meisten Netzbetreiber akzeptieren heute IEC 104 über VPN – das ist günstiger und schneller zu installieren als eine dedizierte Leitung. VoltPilot unterstützt beide Protokolle.

Was kann der Netzbetreiber steuern?

Über die Fernwirktechnik kann der Netzbetreiber drei Hauptfunktionen nutzen:

1. Wirkleistungsregelung (Einspeisemanagement)

Der Netzbetreiber kann die eingespeiste Leistung Ihrer Anlage begrenzen – zum Beispiel auf 60%, 30% oder 0%. Das passiert, wenn zu viel Strom im Netz ist und die Spannung zu stark ansteigt.

2. Blindleistungsregelung

Blindleistung hilft, die Spannung im Netz stabil zu halten. Der Netzbetreiber kann vorgeben, wie viel Blindleistung Ihre Anlage liefern oder aufnehmen soll.

3. NOT-AUS (Schnellabschaltung)

Im Notfall kann der Netzbetreiber Ihre Anlage komplett abschalten. Diese Funktion ist besonders abgesichert und funktioniert auch bei Kommunikationsausfall – dann geht die Anlage automatisch in einen sicheren Zustand.

⚠️ Not-Aus: Schnellabschaltung im Notfall
So reagiert das System bei einem kritischen Netzereignis
!
Netzleitstelle Kritisches Netzereignis
Die Netzleitstelle erkennt eine kritische Situation im Stromnetz (z.B. Frequenzabweichung, Leitungsausfall, Überlast). Ein NOT-AUS-Befehl wird sofort an alle betroffenen Anlagen gesendet.
NOT-AUS – IEC 104 Single Command
⏱ t = 0 ms – PRIORITÄT HOCH
2
VoltPilot Gateway Sofortige Befehlsausführung
Das Gateway erkennt den NOT-AUS als priorisierten Befehl und führt ihn ohne Verzögerung aus. Gleichzeitig wird der digitale NOT-AUS-Ausgang (potentialfreier Kontakt) geschaltet.
Digitalausgang: NOT-AUS → AUS
⏱ t = 20 ms
3
Alle Wechselrichter Sofortige Abschaltung
Alle Wechselrichter werden gleichzeitig abgeschaltet – sowohl über Modbus-Befehl als auch über den hardwaremäßigen NOT-AUS-Kontakt (doppelte Sicherheit).
Einspeisung: 0 kW (komplett aus)
⏱ t = 100 ms
4
VoltPilot Gateway Status wird überwacht
Das Gateway meldet den NOT-AUS-Status kontinuierlich an die Netzleitstelle. Die Anlage bleibt aus, bis der Netzbetreiber den NOT-AUS explizit aufhebt.
Status: NOT-AUS aktiv | Anlage AUS
⏱ Dauerhaft bis Freigabe
Netzleitstelle Freigabe durch Netzbetreiber
Nach Behebung des Netzereignisses gibt der Netzbetreiber die Anlage wieder frei. Erst dann kann das Gateway die Wechselrichter wieder starten.
Befehl: NOT-AUS aufgehoben → Anlage EIN
⏱ Nach manueller Freigabe
Fail-Safe-Prinzip: Fällt die Kommunikation zum Netzbetreiber aus (z.B. Internet-Störung), geht die Anlage nach einer definierten Zeit automatisch in den sicheren Zustand – das heißt, die Einspeisung wird reduziert oder gestoppt. So ist das Netz immer geschützt.

Typischer Aufbau einer Anlage mit Fernwirktechnik

Komponenten einer fernwirktechnisch angebundenen Anlage
Erzeugung
  • PV-Module auf dem Dach
  • Wechselrichter (1 oder mehrere)
  • Optional: Batteriespeicher
  • Optional: BHKW
Messung
  • Energiezähler am Netzanschluss
  • Leistungsmessung (P, Q, S)
  • Spannungs- und Frequenzmessung
  • Optional: Weitere Unterzähler
VoltPilot Fernwirkgerät
Sammelt alle Daten • Kommuniziert mit dem Netzbetreiber • Steuert die Anlage
Kommunikation
  • VPN-Router für sichere Verbindung
  • IEC 104 zum Netzbetreiber
  • Modbus zu Wechselrichtern
  • Optional: Webportal-Anbindung
Sicherheit
  • NOT-AUS Kontakt (potentialfrei)
  • Fail-Safe bei Verbindungsausfall
  • Verschlüsselte VPN-Verbindung
  • Zugriffsschutz mit Authentifizierung

Kompatibel mit über 50 Netzbetreibern

Jeder Netzbetreiber hat leicht unterschiedliche Anforderungen an die Fernwirktechnik. VoltPilot ist bereits mit über 50 deutschen Netzbetreibern erprobt:

N-ERGIE Bayernwerk E.ON Netze EnBW Westnetz Stromnetz Berlin SH Netz EWE Netz Netze BW Mitteldeutsche Netzgesellschaft und viele mehr...

Ist Ihr Netzbetreiber nicht dabei? Kein Problem – wir konfigurieren das System nach den technischen Anschlussbedingungen (TAB) Ihres Netzbetreibers.

So läuft die Einrichtung ab

Die gute Nachricht: Sie müssen sich um fast nichts kümmern. VoltPilot übernimmt die komplette Abstimmung mit Ihrem Netzbetreiber:

  1. Technische Anschlussbedingungen (TAB) – Sie erhalten diese von Ihrem Netzbetreiber und leiten sie an uns weiter
  2. Projektierung – Wir planen das System passend zu Ihrer Anlage
  3. Installation – Das Fernwirkgerät wird vor Ort installiert und verkabelt
  4. Konfiguration – Wir parametrieren das Gerät nach den Vorgaben des Netzbetreibers
  5. Kommunikationstest – Gemeinsam mit dem Netzbetreiber wird die Verbindung getestet
  6. Dokumentation – Sie erhalten alle Unterlagen für Ihre Anlagenakte

Fazit: Fernwirktechnik ist kein Hexenwerk

Fernwirktechnik nach IEC 60870-5-101/104 klingt komplizierter als sie ist. Im Kern geht es darum, dass Ihre Anlage mit dem Netzbetreiber "sprechen" kann – damit das Stromnetz auch mit Millionen dezentraler Erzeugungsanlagen stabil bleibt.

Mit VoltPilot bekommen Sie eine normkonforme Lösung aus einer Hand: Hardware, Software, Konfiguration und Service – alles abgestimmt auf die Anforderungen Ihres Netzbetreibers.

Sie haben Fragen zur Fernwirktechnik für Ihre Anlage?
Wir beraten Sie gerne – unverbindlich und kostenlos. Kontaktieren Sie uns noch heute!
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